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Miša Perić - Skulpturale Verfremdung

Als Tolstois Natascha Rostowa zum ersten Mal ins Opernhaus ging, fand sie da nichts besonders Lobenswertes. Sie erhoffte sich ein erhabenes Drama in einem üppigen Opernsaal, beobachtete aber stattdessen eine korpulente Dame mit künstlichen Zöpfen, wie sie von einem ebenso dicken Herrn davonläuft. Der betreffende Herr war, zudem, unpassend und vulgär angekleidet und trug eine Strumpfhose, die seine Fleischigkeit betonte und ein Holzmesser an seinem Gürtel. Ähnlich verhält es sich mit den Reiseberichten über exotische Länder, wo magische Ritualen als das bloße Gemetzel von Schweinen und Hühnern dargestellt werden. Aber wenn es um die eigenen religiösen Praktiken geht, erstaunt man nicht über den Verzehr von Brot und Wein als Ersatz des Leibes und des Blutes eines anderen.

Unser Weltbild ist eindeutig durch soziale Praktiken bedingt, die wir unmerklich und größtenteils reibungslos durch Sozialisierung übernehmen; eine programmierte Ansicht, wobei man die Sachen an sich nicht wahrnimmt, sondern wie sie wahrgenommen werden sollten. Die Welt ist schon gegeben und um sie ganz zu sehen, muss sie durch die Augen eines Kindes, eines Ausländers, eines Ekzentrikers, eines Psychotikers oder — und hier handelt es sich darum — eines Künstlers betrachtet werden.

Wiktor Schklowski und die russischen Formalisten betonten, dass einer der gründlichen Wesenszüge der wahren Kunst ist ihre Fähigkeit, die Menschen in Staunen zu versetzen: Verfremdung, bzw. der остранение (ostranenie) des Künstlers in der Welt: die ewige Position des anderen und des nicht zugehörenden Zuschauers. Im Englischen ist letztlich nicht das, was seltsam und verwunderlich ist fremd (strange)? Und ist nicht derjenige, der nicht dazugehört ein Fremder (a stranger)? Das Wichtigste ist, dass es nicht mehr um uns geht, sondern um den Anderssehenden, der gleichzeitig fremd ist. Wir sind viele oder wir sind genug, um uns illusorische Sicherheiten verschaffen zu können. Er ist aber allein. Und das ist das einzige Argument, das wir aufbringen können, um im Recht zu sein: die Tatsache, dass, im Gegensatz zu ihm, wir das gleiche Weltbild teilen. Eine solche Beziehung zwischen dem Künstler und seiner Umgebung ist eines der wesentlichen Charakteristika der Avantgarde, zu denen die Formalisten — und zwar keineswegs zufällig— auch gehörten.
In den meisten Fällen wird die Verfremdung durch das Herabsetzen oder die Abwertung der symbolischen Ebene eines Objekts, eines Geschöpfes oder eines Ereignisses hervorgebracht. In den Werken von Miša Perić handelt es sich genau um das Gegenteil. Seine skulpturalen Modellen sind alltägliche, prosaische Gebrauchsgegenstände: ein Regenschirm, ein Siegel, eine Tüte, ein Rührgerät, ein Korkenzieher, ein leeres Rohr, Ton-und Videokassetten. Vergrößert und aus ungeeigneten Materialen (zumeist aus Holz, Stahl und tierischen Überresten) sind diese Objekte so sehr ausgehämmert, dass sie bis zum Paroxysmus ihre eigene Natur negieren oder betonen. Diese Gegenstände sehen fast aus wie die Reliquien eines vergessenen aber doch vertrauten Kultes.

Die skulpturale Poetik von Miša Perić ist auf die Verfremdung gegründet, auf die Vermittlung des Gefühls der Verwunderung, auf den Blick des Fremden und des Ausgestoßenen. In der ewigen und dürftigen Wiederholung der Welt ist er ein unvertriebener Ausgestoßener, weil er nicht nur den Ort und die Zeit verlassen hat, sondern, weil alles sich um ihn äußerst radikal verändert, so dass er— zum Glück — sich nur als Fremder finden kann. In den vergangenen zwei Jahrzehnten, wo alles scheint, sich um uns zusammenzubrechen und zu zerfallen und die Zeiten gekommen sind, wo die Schlauen zum Schweigen gebracht werden, die Narren zu sprechen anfangen und die Halunken reicher werden, wo so viele Menschen zu Fremden geworden, zu Ekzentrikern und Psychotikern... genau weil sie sich true geblieben sind, weil sie sich nicht verändern und den neuen Spielregeln nicht zustimmen wollen, weil sie nicht zu der grausigen Musik des Blut und Bodens tanzen wollen und, weil sie sich nicht von den Ringen und Halsketten von abgesägten Fingern oder von zerschlitzten Hälsern blenden lassen. In den letzten zwei Jahrzehnten ist eine ganze neue Klasse von Herrschern über den Pyramiden von geplünderten und nackten Leichen entstanden, eine Klasse, die aus den obengenannten Halunken besteht. Und sie —wie üblich bei Herrschern— haben kein Mitleid.

Miša Perić zeigt uns diesen Zustand mit seinem Plastikwerk Jukebox, Serbien. Es handelt sich um eine ausgedehnte Harmonika —ein Instrument mit gegensätzlichen Assoziationen —aus Stahl und Messing, mit Blasebalgen aus Pappelweide, die sich wie ein dunkler Pilz aufklappen. Metalle Bänder hängen allenthalben und die beiden Enden der Harmonika schmelzen sich und erinnern an degenerative, organische Formen. Nur die Tastenspitzen und Knöpfe strahlen ein schwaches Licht aus, als ob sie der leichten Berührung von Fingern gedachten. Wie Perić seine Plastikwerke dem Verlauf der Zeit überlässt wird allmählich jenes kaum spürbares Funkeln verschwinden und damit, die letzte Erinnerung daran, was dieser Gegenstand eigentlich ursprünglich darstellte. Sogar die geringsten Spuren der Belustigkeit, des Glücks, der Torheit, der Qual, der Traurigkeit des Lebens und der Menschlichkeit werden verschwinden und nur der korrosive Verfall wird übrigbleiben.

In seinem Werk Unsere Tagesüberreste greift er die Klangsvorstellung wieder auf. Es handelt sich um eine monumentale möbilierte Skulptur, fast 2 mal 3 Meter groß, mit dreiunddreißig riesigen Tonkassetten. Die Form und Größe der Skulptur ändert sich je nach der Größe des Ausstellungsraums. Wenn für das Werk Jukebox, Serbien die Zeit wesentlich is, geht es hier sowohl um die Zeit als auch den Raum; wenn es um eine ausgedehnte Harmonika im ersteren geht, im letzteren handelt es sich um das von innen nach außen gekehrtes Innere. Die Skulptur hebt die Schwerkraft auf und stellt ein eingefangenes Moment dar, das der Erfahrung der Opfer von Verkehrsunfällen ähnelt, in dem Moment wo das Adrenalin deren Adern heftig durchströmt. Da sie sich keinen Ausgang schaffen können, sehen sie alles wie im Nebel eingefangen: eine Sonnenbrille, ein Luftreiniger in Kieferbaumform, eine Zeitung, die niemand lesen wird und ein Glückshase. Wenn alles zusammenbricht wird derjenige, der sich daran erinnert verschwinden und der Plüschhase mit Blut bedeckt. Darum geht’s in Unsere Tagesüberreste von Perić. Wir betrachten sie in der Furcht vor ihrem Zusammenbruch und Zusammenbrechen und fürchten, dass etwas von uns mit ihr untergeht. Die aufgerollten und verworrenen Tonaufnahmen sind manchmal aus sicheren, gefärbten Metallbänden aber manchmal sind sie der unerbitterlichen Zersetzung überlassen, die sie auffrisst. Diese können Musikaufnahmen sein, die sich an unserer Entwicklung beteiligt haben, mit denen wir aufgewachsen sind. Manchmal handelt es sich aber um die Aufnahmen des Lebens, wie die von Beckett: die aufgenommenen Stimmen von Leuten, Freunden, Liebhabern, unseren Kindern oder den Kindern anderer Leute, falls wir keine gehabt haben — die Aufnahmen, die wir von den Stimmen unserer Eltern gemacht haben, weil wir Angst vor ihrerVerschwindung und unserer Einsamkeit hatten. Und jetzt ist alles zerstreut und schwebt in der Luft. Ein winziges, groteskes menschliches Antlitz blinzelt durch eine der Kassetten mit einem Stahlbande im Munde und bei der anderen sehen wir ein schönes metalles Blatt. Das sind unsere Tageüberreste, der Tag an dem wir uns verloren aus denen wir keinen Weg finden können.

Der Zeitpunkt, wo die Zeit eingefroren ist, wo eine ganze neue Welt wie im ewigen Eis geschaffen ist. Diese Welt ist auch nicht ohne Bedeutung. Tonkassetten deuten auf die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als sie am meisten verbreitet waren.

In anderen Werken von Perić, wie Rührgerät und Korkenzieher handelt es sich um eine ähnliche Sensibilität. Die Alltäglichkeit der Titel rührt uns sogar mehr an. Rührgerät ist eine große Skulptur anderthalb Meter groß aus großen Metallbändern, die zur Gestalt eines Rührgeräts gefaltet sind.

Unter den Bändern befinden sich mächtige Palmen aus Hirschgeweih. Korkenzieher ist eine aufrecht stehende Holzskulptur aus Kirschbaum an deren metalles Ende spiralförmige, verschränkte Widdergehörne befestigt sind.
Die Metalloberfläche ist durch eine Schweißpistole in eine hörnerartige und gepunktete Struktur verwandelt, die ganz natürlich in die ganze Struktur der Hörner mündet. Die Skulptur ist ganz schwarz bis auf die Hörner mit breiten Geländern und ist auf einem weißen Rindleder mit hellbraun und rötlichen Pünkten gestellt.
Die Hinzufügung der Hörner und Geweih stört die Funktionalität beider Werke, sowohl bei Rührgerät als auch bei Korkenzieher— Perić besteht aber auf deren Anwesenheit. Rührgerät und Korkenzieher sind beide dynamische Formen, die für Wirbelbewegungen geschaffen sind. Hier werden sie aber zu faszinierenden Objekten mit einem geheimnisvollen, sakralen Zweck. Monumentale, starke und merkwürdige Formen, die vor uns stehen, als ob sie zum ersten Mal vor uns so stünden und wir sie zum ersten Mal so anblickten.

Die skulpturale Poetik von Perić beruht auf einer transrationalen Morphologie (hier sind wir wieder bei den Avantgardisten und dem Cubo-Futuristen Krutschonych). Sie ist eher mit dem Aufschrei, dem Seufzen, der Lautmalerei und der Tautologie, mit Zungverbrechern und dem wahren Experiment als mit der verzweigten, verführerischen, verlockenden Semantik verwandt. Hiermit ähnelt er in gewisser Weise dem dadaistischen Expressionismus woraus die ganze Avantgarde entsprang. Die war dafür bekannt, dass sie zimperlich im Umgang mit Klischees und dem unverschämten Verkehr mit der nekrophilen Gesellschaft und deren Künsten war.

Wir leben im Lande der Toten, wie verstaubte, düstere, graue Seelen im Lande des ewigen monochromatischen Lichts der frühen Morgendämmerung oder späten Abenddämmerung. Unsere Welt ist der heidnischen Unterwelt ähnlich: farblos und trostlos, eine Welt wo die Alten verhungern und von ihren elenden und hungrigen Hunden aufgefressen werden. In einem Lande, das uns mit dem zynischen, verunstalteten, schlauen Grinsen der neuen Elite ins Gesicht lacht. In einem Lande mit seiner eigenen Kunst, die sich an Lügen, Heuchelei und Trugbilder erfreut. Da wird der Tod gefeiert.
Die Skulpturen von Miša Perić mahnen unerbitterlich daran. Sie scheinen zu fragen: gibt es denn überhaupt noch Lebende?

Milenko Bodirogić